Warum wir „Made in China“ brauchen, um die Modewelt zu verändern

Seit der Eröffnung unseres ersten Ladens vor vier Jahren diskutieren wir häufig intensiv mit unseren KundInnen über die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern. Oft hören wir dabei:

  • “Wieso verkauft Ihr Kleidungsstücke, die in China hergestellt wurden?”
  • “Waren aus China werden doch unter fürchterlichen Bedingungen hergestellt! Nachhaltige Mode aus China gibt es nicht!”
  • “Die Produkte sind immer von schlechter Qualität!”
  • “Alle Produkte sollten nur noch in Europa hergestellt werden! Nur hier wird fair produziert!”
  • „Diese langen Transportwege sind doch gar nicht nachhaltig!“

Mit dieser Erfahrung sind wir nicht allein, wie ein Beitrag in unserer Facebook Gruppe zeigt:

Screenshot eines Beitrags aus der Gruppe von LOVECO auf Facebook

Ist es sinnvoll, Produkte aufgrund ihres Produktionslandes rigoros abzulehnen? Und warum reagieren so viele Menschen gerade bei China sehr radikal?

Warum ausgerechnet China?

Weltweit wird sehr, sehr viel in China produziert und von dort exportiert. Auch in der Bekleidungs- und Textilindustrie ist China mit großem Abstand das Produktionsland Nummer eins.

Statistik: Die zehn wichtigsten Exportländer für Textilien weltweit im Jahr 2016 (Exportwert in Milliarden US-Dollar) | Statista

So haben die meisten Menschen das Schild “Made in China” wahrscheinlich einfach sehr oft gesehen. “Made in Vietnam” oder “Made in Indonesia” sind weniger weit verbreitet. Damit ist auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass man bei so vielen Waren aus China auch schlechte Waren erhält.

Aber sollte man daraus direkt den Schluss ziehen, dass die Produktion dort niemals unter fairen Bedingungen stattfinden kann? Oder dass in China nie qualitativ hochwertige Produkte entstehen können? Dass es schlichtweg keine nachhaltige Mode aus China gibt?

Gründe für „Made in China“

Einige Gründe sprechen dafür, China als Produktionsland nicht so einfach abzulehnen, sondern genauer hinzuschauen. Wir haben uns Gedanken gemacht und natürlich bei unseren Labels nachgefragt. Bei uns stellen Marken wie GOBI Amsterdam, LangerChen und Hemp Hoodlamb ihre Kollektionen in China her. ARMEDANGELS, KnowledgeCotton Apparel und bleed produzieren Teile ihres Sortiments dort.

1. Positive Entwicklungen langfristig unterstützen

In den letzten Jahren sind die Arbeitslöhne in China stetig gestiegen. Das ist erst einmal eine positive Entwicklung. Leider haben allerdings so bereits viele konventionelle Hersteller ihre Produktion in “billigere” asiatische Länder abgezogen.

Daten zum durchschnittlichen Jahresgehalt eines Beschäftigten in China

Um die Umstände in China langfristig zu verbessern, sollte man in Fabriken herstellen lassen, bei denen faire und umweltfreundliche Umstände herrschen. So steigt die Nachfrage nach fair produzierten Waren. Die Lieferanten müssen ihre Produktion umstellen und das verbessert auf lange Sicht die Bedingungen in den Fabriken.

So sieht es auch das Label Knowledge Cotton Apparel, das in China Jacken und Mäntel produziert. Die Fabrik, in der produziert wird, trägt die Zertifizierungen GRS (Global Recycling Standard) und SA8000 (Social Accountability International). Die Marke möchte die Bemühungen der Fabrikbesitzer und den langen Weg zu den Zertifizierungen belohnen und langfristig fördern.

bleed clothing aus Deutschland lässt ebenfalls Produkte in China fertigen und möchte Bestrebungen im Land unterstützen: „Wir sind der Meinung, dass es nicht falsch ist, auch hier gute Betriebe zu unterstützen, denn gerade dort wo soziale Missstände vorhanden sind, sollte man Mindeststandards einführen. Wir arbeiten mit einem kleinen Betrieb zusammen, geführt von einer Chinesin und einem guten Bekannten aus Deutschland. Das Unternehmen ist Mitglied der Fairwear Foundation und GOTS zertifiziert und leistet tolle Arbeit vor Ort.“

2. Anbau von langlebigen Rohstoffen

In China werden Rohstoffe wie Hanf und Baumwolle angebaut. Werden diese dann auch dort im gleichen Land weiterverarbeitet, entfallen Transportwege. Natürlich sind die Transportwege auch kurz, wenn in Europa produziert wird. Rohstoffe allerdings müssen wegen des Klimas fast immer von weit her geholt werden. Wir möchten, dass sich auch in China die Produktionsbedingungen für alle in der Textilproduktion ändern. Deshalb bieten wir bei uns im Shop eine Mischung an: Labels, die in Asien produzieren und solche, die in Europa produzieren (z.B. Polen, Portugal, Slowenien oder Türkei).

Das Team hinter bleed clothing kennt dieses Dilemma: „Manche Materialien und Verarbeitungstechniken, wie z.B. Leinen und Hanf (oder die Verarbeitung der Flanellstoffe) werden seit vielen Jahrhunderten in China gefertigt. Im europäischen Raum wurden diese Materialien im letzten Jahrhundert immer unbeliebter und unlukrativer (auch wegen rechtlichen Regelungen wie z.B. beim Hanfanbau). Das Know-How und die entsprechenden Maschinen sind langsam nach Asien verschoben worden. Momentan sind die chinesischen Partner die Nummer eins, wenn es um Qualität und hochwertige Verarbeitung geht. Da für uns Qualität und Langlebigkeit von großer Bedeutung sind und das für uns ein ganz wichtiger Aspekt in Richtung Nachhaltigkeit ist, haben wir vor einigen Jahren die Entscheidung getroffen, dennoch einige Artikel in Asien fertigen zu lassen. Das bedeutet nicht, dass wir sofern eine identische Qualität in Europa angeboten werden kann (und es sieht fast so aus als gebe es hier richtig gute Entwicklungen), wir unsere Entscheidung nicht ändern und die Produktion teilweise wieder hierher verlagern, da der Transport dennoch eine wichtige Rolle spielt“, schreibt uns bleed.

3. Hochinnovative Maschinen und Fachwissen

Es gibt in China viel Expertise im Bereich Textilverarbeitung, vor allem was die Produktion von Jacken und Mänteln angeht. Dieses Fachwissen und eine jahrzehntelange Handwerkstradition schaffen qualitativ hochwertige Waren.

Unsere Marke KnowledgeCotton Apparel fand in China nach eigenen Angaben die fortschrittlichste Technologie in Bezug auf Recyclingfasern. Das sei schon vor 10 Jahren so gewesen, als das Label gestartet ist und auch heute sei China vielen anderen Ländern deutlich voraus. Es geht KnowledgeCotton Apparel darum, grüne Technologien zu unterstützen, ganz egal, wo in der Welt sie sich befinden. Gerade in China ist man auf Support angewiesen, wenn es um grüne Innovationen geht.

Bei Recyclingfasern vertraut auch bleed clothing auf die Erfahrung und Technik in China: „Materialien, wie z.B. die Membranen von SYMPATEX® werden in China produziert. Es macht hier wenig Sinn die Stoffe dann von China nach Portugal zur Konfektion und dann weiter zu uns nach Deutschland zu schicken. Aus diesem Grund produzieren wir die Jacken dann lieber direkt vor Ort, wo auch die Materialien hergestellt werden. Wir sind uns des hohen CO2 Ausstoßes beim Transport bewusst, aus diesem Grund werden jetzt unsere ersten SYMPATEX® Jacken, die in China produziert werden, zusammen mit SYMPATEX® und ClimatePartner® CO2 kompensiert, das bedeutet der gesamte CO2 Ausstoß während der Produktion und dem Transport wird berechnet und in einem Klimaschutzprojekt kompensiert.“

4. Europa ist nicht automatisch besser

Viele Menschen wissen es nicht, doch auch in europäischen Textilbetrieben herrschen zum Teil fürchterliche Verhältnisse (z.B. Osteuropa oder Italien). In der italienischen Textilindustrie arbeiten viele Menschen schwarz und haben weder offizielle Verträge noch Sozialversicherungen. In einigen Textilfabriken Rumäniens müssen ArbeiterInnen im Winter ohne Heizung und im Sommer ohne Lüftung auskommen. Unbezahlte Überstunden sind keine Seltenheit. Zwar verdienen viele Menschen dort in den Produktionsstätten den rumänischen Mindestlohn, doch Lebensmittelpreise sind so hoch wie in Mitteleuropa.

Es wird deutlich: Man sollte Kleidung aus China nicht grundsätzlich ablehnen. Doch genauso sollte man die Herstellung von Produkten aus Europa immer noch hinterfragen.

Garn in einer Produktionsstätte

Fazit: Siegel statt Produktionsland

„Länder Bashing (dt. Niedermachen) ist keine Lösung für die Probleme in der Modeindustrie. Es gibt auch in China vorbildliche Betriebe! Wie auch in Indien, Bangladesch, etc. So ein Denken führt die Branche nicht weiter”, sagt auch Dipl.-Chemiker Norbert Henzel. Er beschäftigt sich an der Universität Oldenburg mit den ökologischen Beschaffenheiten des Textilfaseranbaus sowie mit den sozialen Folgen rund um Anbaufeld und Fertigungsfabrik.

Unsere Meinung ist: Es muss ein Umdenken stattfinden. Anstatt darauf zu achten, welches Land im Etikett des Kleidungsstückes steht, sollte man eher nach Siegeln wie GOTS, Fair Wear Foundation oder Fairtrade suchen. Denn schließlich müssen die Standards und Richtlinien der Siegel in allen Ländern gleichermaßen eingehalten werden. Das ist die einzige Möglichkeit, Arbeits- und Umweltbedingungen im Detail überprüfen zu können. Was meint Ihr dazu?

Du möchstest mehr zum Thema Fairtrade Kleidung oder faire Mode erfahren? Dann schau mal hier in unserem Ratgeber.

Quellen
„Rumänien: Armut made in Europe“ (Arte)
„Höhere Löhne in China könnten 1,5 Millionen Jobs in Südasien bedeuten“ (Fashion United)
„China – Made in Italy“ (fr.de)
„Modemythen“ (Journelles)
„Durchschnittliches Jahresgehalt eines Beschäftigten in China von 2006 bis 2016 (in Yuan)“ (National Bureau of Statistics of China (n.d.), Statista)
Die zehn wichtigsten Exportländer für Textilien weltweit im Jahr 2016 (Exportwert in Milliarden US-Dollar)“ (WTO (n.d.), Statista)

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