Alles, was Du schon immer über Textilsiegel wissen wolltest

Siegel in der fairen Mode: Es ist nicht einfach, sich im Dschungel der Textilstandards zurechtzufinden. Welches Zeichen steht wirklich für ökologische Standards? Woran erkennst Du wahre soziale Arbeitsbedingungen?

Welche Siegel bei fairer Mode sinnvoll sind und wann sie zu Greenwashing genutzt werden – darüber habe ich im Interview mit Dipl.-Chemiker und Textilexperten Norbert Henzel gesprochen.

Danke für Deine Zeit, Norbert. Sag mal, wie stehst Du zu Siegeln? Sind sie ein gutes Instrument, um nachhaltige Kleidung zu erkennen?

Norbert Henzel: „Ich halte Siegel und Zertifikate für die einzige Möglichkeit, für Transparenz zu sorgen. Dabei müssen allerdings auch alle Kriterien transparent gemacht werden. Wenn Unternehmen ihre eigenen Siegel schaffen und die Kriterien nur firmenintern bleiben, ist das natürlich sinnlos.“

Welchem Siegel vertraust Du?

Norbert Henzel: „Ich vertraue den Siegeln IVN Best und GOTS. Zusätzlich ist mir aber auch die Nähe, Erreichbarkeit und Kommunikation zum Hersteller wichtig.

GOTS: Eines der wichtigsten Siegel in der fairen Mode
Der GOTS (Global Organic Textile Standard) im Überblick.

Gut am GOTS gefällt mir, dass er dynamisch ist und die Standards ständig angepasst werden. Man sieht jetzt Probleme, die vorher nicht präsent waren. So werden sich auch die Sozialstandards beim GOTS stets verbessern.“

Wie stehst Du zur Fair Wear Foundation?

Norbert Henzel: „Die Organisation Fair Wear Foundation ist nicht schlecht, sie ist bloß kein Siegel in dem Sinne. Sie ist eine Art Unternehmensberatung, die Modefirmen unterstützend begleiten kann, aber eine Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation ist meiner Meinung nach nicht genug.

Die Fair Wear Foundation stellt auch eines der wichtigen Siegel bei fairer Mode
Die Standards der Fair Wear Foundation.

Es kann sein, dass einige Firmen nur Mitglied in der Fair Wear Foundation sein möchten, um Greenwashing zu betreiben. Sie können dann einige Zeit dabei sein, die verbesserungswürdigen Vorschläge aber doch nicht erarbeiten und wieder austreten.“

Mehr zum Thema Greenwashing findest Du in diesem Artikel.

Was sagst Du, wenn ein Label das GOTS Siegel hat und zusätzlich Mitglied in der Fair Wear Foundation ist?

Norbert Henzel: „Das finde ich sehr gut. Das zeigt, dass das Unternehmen sich stets verbessern möchte. Es ist ja von Firma zu Firma ganz individuell, in welchem Bereich sie Beratung benötigt. Der Konsument kann dann die jeweiligen Roadmaps und Reports des Unternehmens lesen, um sich über den Stand der Verbesserungen zu informieren.“

Wie sinnvoll ist das Fairtrade Siegel?

Norbert Henzel: „Fairtrade ist für viele Menschen verwirrend. Die meisten wissen nicht, dass sich das Siegel nur auf den Rohstoff bezieht und nicht auf das gesamte Textil.

Fairtrade ist eines der bekanntesten Siegel im Bereich Faire Mode
Das Fairtrade Siegel.

Es gibt zwar mittlerweile auch ein Fairtrade Zertifikat, das nicht nur für Biobaumwolle gilt, sondern für die gesamte Weiterverarbeitung bis zum Kleidungsstück, aber das ist noch so neu, damit können die wenigsten Marken arbeiten (‚Fairtrade Textile Production‘).

Ich habe noch ein anderes Problem mit Fairtrade. Fairtrade musste durch den Riesenerfolg Abstand davon nehmen, ausschließlich mit Kleinbauern zu arbeiten. Es gab zu viele Abnehmer: Kleinbäuerliche Gemeinschaften konnten der starken Nachfrage nicht gerecht werden. Sie können gar nicht so viel anbauen oder haben nicht die nötige Anbaufläche.

Deshalb brauchte Fairtrade in einigen Bereichen zuverlässigere Lieferanten. Das sind nun einmal die Großproduzenten. Bei denen werden leider keine kleinen Projekte unterstützt. In diesen Fällen kann auf längeren und indirekteren Wegen Unterstützung und Verbesserung für kleine Landwirte verloren gehen.”

Fairtrade, GOTS und Fair Wear Foundation sind wichtige Siegel bei fairer Mode
Fairtrade, GOTS und Fair Wear Foundation im Vergleich. Fairtrade bezieht sich auf die sozialen Standards beim Rohstoffanbau; ökologische Faktoren sind zweitrangig. Der GOTS kann nur auf Textilien angewendet werden, die zu einem großen Teil aus Naturtextilien gefertigt sind. Er bezieht sich eher auf ökologische als soziale Aspekte.

Siegel sind sehr komplex. Was meinst Du, sollte man neue Mode gänzlich “abschaffen” und nur noch nutzen, was vorhanden ist?

Norbert Henzel: „Das wird nicht möglich sein! Mode war schon immer eine Art, sich von anderen abzugrenzen. Das wird man nicht verbieten können. So war es schon in der Renaissance und bei den Römern. Die Menschen brauchen Mode, um sich abzugrenzen. Jetzt muss man es hinbekommen, dass sie genauer hinschauen, was sie tragen wollen…“

Was glaubst Du, wie wir aus unserer „Eco Fashion Nische“ herauskommen?

Norbert Henzel: „Man muss einfach ein geiles Produkt präsentieren! Ich glaube, dass die jüngste Generation manchmal nicht merkt, dass Eco Fashion eine Nische ist. Das merke ich jedes Jahr bei meinen Studierenden. Es scheint also besser zu werden mit dem Image der Ökobranche! Vielleicht ist die Branche noch klein, aber das Image wird besser. Die Jüngeren wissen mehr über die Umstände, es wird darüber gesprochen.

Nur manchmal schalten sie am Point of Sale (Anm. d. R. der physische Ort, an dem verkauft wird, z. B. Laden) ihren Kopf aus. Oder sie stehen unter sozialem Druck, ‚individuell uniformiert‘ zu sein. Letztendlich ist ja der Preis oft das Problem: Weniger, dass Eco Fashion sackartig aussieht, sondern dass sie einfach zu teuer ist. Junge Leute kennen oft nur die Relationen zu H&M und Primark.“

Das Interview hat Dir gut gefallen? Hier haben wir mit Norbert Henzel ausgiebig über nachhaltige Materialien gesprochen.

Foto: Fidelis Fuchs / Model: Anna Kessel, Die Konsumentin

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