Warum wir finden, dass Airbnb nicht (mehr) nachhaltig ist

Wir haben uns ja vor kurzem schon einmal mit der Frage des nachhaltigen Reisen beschäftigt. Und jetzt mal Hände hoch, wie viele von Euch buchen bei Städtetrips immer mal wieder eine Unterkunft auf Airbnb? Keine Scham, ich tue das auch. Aber ist das in Ordnung so? Gibt es Alternativen zu Airbnb?

Heute wollen wir uns aber mal fragen, wie nachhaltig Airbnb ist und was für Probleme mit Airbnb zusammenhängen. Hingesetzt und angeschnallt, heute geht’s um Wohnraumprobleme, Gentrifizierung und die Idee der „Sharing Economy”.

5 Fakten zu Airbnb in Berlin (Stand 2014, aus einer Studie der FH Potsdam):

  1. Berlin hat mit Abstand die meisten Airbnb-Angebote deutschland­weit (11.701): Nicht einmal halb so viele (ca. 4.000) gibt’s in München. In Europa hat man lediglich in Paris (ca. 13.000) und in London (ca. 12.000) mehr.
  2. Etwa jede 240. der knapp 1,9  Mio. Berliner Wohnungen ist auf Airbnb vertreten.
  3. Im Durchschnitt kostet ein Zimmer in Berlin 55 € pro Nacht (ein Hotelzimmer ca. 80 Euro.)
  4. 1.167 Airbnb-Nutzer bieten mehr als ein Inserat an (10 % aller Nutzer); das deutet stark daraufhin, dass die Wohnungen / Zimmer vermietet werden, um Geld zu verdienen.
  5. Insgesamt vermieten allein die Top-10-User in Berlin zusammen 281 Wohnungen.

Die Anfänge von Luftmatratze und Frühstück

Airbnb gibt es schon sehr, sehr lange. Und über die Anfänge des heutigen, ich nenne es mal, “Reiseportals” wissen viele nicht so viel: Eine super Idee. Während einer Konferenz in San Francisco waren alle im Voraus schon alle Hotels ausgebucht. So wurde eine Plattform auf die Beine gestellt, auf der Privatleute Zimmer (plus Luftmatratze und Frühstück “Airbed and Breakfast”) vermieten konnte. Spitze! So konnten doch alle während der Konferenz unterkommen und haben vielleicht noch nette Leute kennengelernt.

Ist das nachhaltig? Klar! Wenn Privatleute eh noch Platz in ihrer Wohnung haben oder gerade nicht da sind, ist es doch super, dass so freigewordener Wohnraum kurzfristig an Menschen vermittelt werden kann, die für einen begrenzten Zeitraum in der Stadt sind. Im besten Fall können sie noch von Utensilien in Küche und Bad Gebrauch machen und kriegen vielleicht noch von ihren “Mitbewohnern” Sightseeing Tipps. Das ist auf jeden Fall um einiges nachhaltiger als in Plastik eingepackten Hotelzahnbürsten  und persönlicher als anonyme Stadtpläne.

Leider hat die heutige Plattform meiner Meinung nach damit nicht mehr besonders viel zu tun – in den meisten Fällen.

Die Idee des persönlichen Vermietens: Eine Utopie?

So schön wie die Anfänge von Airbnb klingen, ist die Gegenwart leider nicht mehr. Menschen vermieten Wohnung in städtischen Ballungsgebieten für horrende Summen und machen dabei nicht nur Profit, für den sie keine Steuern bezahlen, sondern sie nehmen Wohnungssuchenden den Wohnraum. Somit werden Wohnungen für touristische Zwecke genutzt, die streng genommen dafür gebaut wurden, Menschen eine langfristige Bleibe zu geben. Ein Zuhause.

Kritische Stimmen dazu aus der Öffentlichkeit gibt es schon seit langem. Vor allem in New York (gegen Vermieter und Airbnb) und Berlin (gegen Airbnb-Nutzer) gab es Guerilla Marketing Kampagnen, in denen die Meinungen der Stadtbevölkerung laut wurden.

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Aber wem kann man nun etwas vorwerfen? Dem Unternehmen Airbnb? Den Nutzern des Portals? Der Politik, weil sie keine funktionierenden, gesetzlichen Regelungen schafft?

Die verwirrende und inkonsequente Gesetzeslage

A propos Gesetz. Da hat sich nämlich etwas verändert in den letzten Jahren. Es gibt jetzt Richtlinien, die die touristische Vermietung einer Mietwohnung durch die Mieter zeitlich oder örtlich einschränken. So darf nur ein Teil der Wohnung vermietet werden oder nur für eine bestimmte Anzahl an Tagen im Jahr. Für die Vermietung muss auch eine Genehmigung bei der Stadt beantragt werden.

Aber funktioniert das wirklich? Häufig erstellen Menschen einfach neue Profile auf Airbnb und vermieten öfter oder einen größeren Anteil der Wohnung. Überprüft Airbnb hier etwas? Nein.

Der besondere Standpunkt Berlin

Natürlich darf man nicht vergessen, was für Erfahrungen hinter meinen Gedanken stehen. Ich lebe seit sieben Jahren in Berlin, bin hier mehrmals umgezogen und habe selbst in so einer kurzen Zeit Veränderungen in der Stadt bemerkt, die mit Wohnraum, Mietpreisen und Kiezkultur zu tun haben. Mein Bruder erschreckt jedes Mal, wenn er mich in Berlin besucht: Er hat 1998 für 180 D-Mark im Monat in einer Wohnung mit Dusche in der Küche und Kohleofen neben einem Schrottplatz in der Kreutzigerstraße in Friedrichshain gewohnt. Die Kreutzigerstraße, die sich heute mitten im Zentrum des touristischen und sauber gefegten Simon-Dach-Kiez befindet. Und auch unser LOVECO Büro liegt in einem Teil Berlins, der schon seit Jahren mit städtischen Veränderungen zu tun und zu kämpfen hat: In unmittelbarer Nähe des Teils der Kreuzberger Reichenberger Straße, der vor allem durch die Bäckerei Filou viel in der Presse war.

Natürlich habe ich eine leichte Abneigung gegen eine Plattform, die dabei hilft, dass Menschen in Berlin noch schwerer eine Wohnung finden, als es sowieso schon der Fall ist. Die noch mehr zum Anstieg der Mietpreise beiträgt. Ich sage nicht, dass Airbnb daran Schuld ist. Doch es ist ein weiteres Phänomen, dass die Problematik um den Berliner Wohnungsmarkt verstärkt. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich auch, dass Menschen sich etwas zu den steigenden Mietpreisen hinzuverdienen, wenn sie ihr Zimmer vermieten, während sie im Urlaub sind. Ein Dilemma?

Sharing is Caring?

Wie ist das nun mit der Sharing Economy? In vielen Bereichen unseres Lebens gibt es mittlerweile Strukturen, die darauf beruhen, dass wir uns Dinge mit unseren Mitmenschen teilen. Natürlich ist es ein guter Ansatz, wenn solche Ideen Monopole zerstören und Einzelpersonen mehr Freiheiten bieten und miteinander verbinden. Und oftmals läuft das auch ganz gut! Ich sehe zum Beispiel die Plattform Paul Camper als ein super Beispiel: Hier können Menschen Wohnwagen oder Bullis von Privatpersonen mieten, wenn sie in den Campingurlaub fahren möchten. Die Vermieter tragen in den Kalender ein, wann sie selbst mit dem Wagen wegfahren möchten und vermieten sonst ihr Gefährt an Interessenten. Oftmals geben sie noch Tipps und Equipment mit auf den Weg.

Warum funktioniert das Teilen in einigen Bereichen und wird in anderen ausgenutzt? Wieviel geben die Akteure in der Sharing Economy eigentlich zurück? Wie sind Güter dort denn eigentlich verteilt? Ist das nicht immer noch sehr unausgeglichen, ein kleiner Teil von Menschen hat einen Großteil der Güter und Gelder? Kritiker werfen Unternehmen wie Airbnb und ihren Nutzern vor, Steuern und Gesetze zu umschiffen. Die Nutzer, die Touristen, die Reisenden, sie wollen eben leben wie die “Einheimischen”, doch sie sollten sich bewusst machen, dass sie mit diesem Wunsch Einfluss nehmen. In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung wurde sehr passend in diesem Kontext Hans Magnus Enzensberger zitiert: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ So viel zum authentischen City Trip durch die Airbnb Wohnung im Kiez.

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Meine persönliche Meinung ist, dass man mit der Sharing Economy leider nicht all das wettmachen kann, was vor ihr sozusagen an der Tagesordnung lag und liegt.

Zwei große Versprechen der Sharing Economy

  • Es werden Güter genutzt, die schon bestehen (sehr nachhaltig).
  • Die Interaktionen und Transaktionen passieren zwischen Einzelpersonen und es werden persönliche Beziehungen hergestellt (meist durch das Internet).

Drei große Enttäuschungen der Sharing Economy

  • Es wird mehr statt weniger konsumiert, da man denkt, man würde ja bereits Bestehendes nutzen (siehe unten und auch Moritz’ Blogpost über Second Hand Kleidung).
  • Es bleiben große Plattformen und Unternehmen übrig, die wieder Monopole bilden.
  • Es wird aus Vielem Geld gemacht, das man früher vielleicht aus gutem Willen unentgeltlich gemacht hätte (Zimmer teilen, Mitfahrgelegenheit anbieten, etc.).

Ist Airbnb jetzt nachhaltig?

Das kommt natürlich wie immer ganz drauf an, wie man Nachhaltigkeit definiert! Aus einer ökologischen Perspektive gesehen, gibt es Studien, die das Reisen mit Airbnb sowohl als sehr nachhaltig oder als gar nicht nachhaltig betrachten: Soziologin Juliet Schor fand heraus, dass Menschen häufiger in den Urlaub fahren, wenn sie Airbnb nutzen, da die Zimmer im Vergleich zu Hotels relativ preiswert sind. Wenn man Transportwege hinzurechnet, ist das nicht ökologisch, da es sich summiert. Eine Studie von Airbnb selbst kommunizierte 2013, dass das Wasser von 1.100 Schwimmbecken eingespart wurde, weil Menschen über Airbnb Privatunterkünfte und keine Hotels gebucht haben. Natürlich kann es sein, dass Airbnb Reisende durch den Ort der Unterkunft (in Städten) eher den Nahverkehr als einen Mietwagen nutzen. Aber ist das genug?

Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, sich die Gesellschaft anzusehen und wie sie sich verändert. Und deshalb würde ich Airbnb als großes Ganzes nicht unbedingt als nachhaltig bezeichnen. Aus den Gründen, die ich oben aufgeführt habe. Im Einzelnen kann eine private Unterkunft, die über Airbnb gebucht wurde, gerade im ländlichen Raum natürlich nachhaltig sein oder nachhaltig genutzt werden. Doch das Phänomen Airbnb und wie es sich in den letzten Jahren entwickelt hat, sehe ich nicht als etwas, das zu einer nachhaltigen Welt beiträgt.

Eine Alternative zu Airbnb: Nightbank

Bei meiner Recherche stieß ich auf eine neue Alternative zu Airbnb, die erstmal ziemlich interessant klingt: Nightbank. Hier kann ich leider nur von der Idee berichten, da ich sie selbst noch nie genutzt habe: Die angebotenen Unterkunftspreise gehen nicht an den Vermieter, sondern an eine Initiative, die er damit unterstützen möchte. Alle Initiativen können von den Nutzern eingesehen werden. Das klingt doch irgendwie schon mal ganz gut, leider ist die Plattform noch sehr klein und es gibt wenige Unterkünfte und Initiativen. Aber es klingt irgendwie mehr nach Sharing Economy.

Wie siehst Du das? Findest Du Airbnb nachhaltig? Hast Du gute oder schlechte Erfahrungen gemacht? Kennst Du Alternativen oder hast Du eine Idee, wie man die Problematik verbessern kann? Ich freue mich wie immer über Deinen Kommentar!

Mehr zum Thema

„Berlin’s Anti Airbnb Campaign and why it hasn’t taken off“ (The Heureka)
„Wie Airbnb die Städte verändert“ (Süddeutsche Zeitung)
„Sind Airbnb Unterkünfte wirklich nachhaltiger?“ (Umweltgedanken)
„Hat das Berliner Gesetz gegen Airbnb gewirkt?“ (Gründerszene)
„Der typische Gastgeber verdient 1.500 Euro im Jahr“ (Zeit Online)
„Airbnb-Alternativen: Nightbank und TalkTalkBnb“ (Utopia)
„After the Sharing Economy“ (transmediale)

Photos von Unsplash, außer Nr. 2: © Felicitas Hackmann

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