„Die nachhaltige Modebranche ist viel cooler als die konventionelle!“

Weiter geht unsere Interviewreihe mit dem Hamburger Lieblingslabel JAN ´N  JUNE! Gründerin Jula hat mit uns über die Idee hinter dem Label, ihre Wünschen für die Zukunft  und den bisher größten Heraus- forderungen gesprochen…

JAN ´N  JUNE – wer steht dahinter und wie ist die Idee zu dem Label entstanden?

„Anna und ich haben JAN ´N JUNE gemeinsam gegründet. Die Idee ist eigentlich aus Eigenbedarf entstanden. Wir haben im Sommer bei einem Glas Wein in der Hamburger Sternschanze gesessen und uns gefragt, wie es sein kann, dass nachhaltige Mode noch immer entweder sehr in die Basic-/ Yoga-/ Streetwear-Richtung geht oder aber ziemlich teuer ist. Da dachten wir uns: ‚Mist. Es muss doch etwas geben, das alles drei vereint – nämlich Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und auch ein modisches Design. Etwas, womit man auch mal abends ausgehen kann und nicht wieder das x-te T-Shirt.‘ Durch den Gedanken getrieben, dass wenn wir das nicht machen, es jemand anderes tut – denn es ist offensichtlich, dass der Markt so etwas braucht – let´s do this! So hat JAN N´  JUNE angefangen. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir 2014 die Idee weiterentwickelt haben und uns schlussendlich getraut haben, zu gründen.“

Wofür steht JAN ´N JUNE? Welches sind Eure wichtigsten Werte? 

„Am wichtigsten ist uns Nachhaltigkeit, wobei der soziale Aspekt dabei für uns mit inbegriffen ist. Es geht uns nicht nur um die Ökologie dahinter, sondern auch um alle sozialen Werte. Eine faire Produktion stand von Anfang an fest, denn ein T-Shirt aus Bio-Baumwolle, das unter unfairen Bedingungen genäht wurde, hilft auch nicht weiter. Wir haben das sehr ganzheitlich gesehen und achten auch sehr auf die Transparenz, die dort ebenso mit rein spielt und einfach dazu gehört. Da machen wir bei Beidem keine Abstriche.“

Woher bezieht Ihr Eure Materialien und worauf achtet Ihr bei der Beschaffung?

„Uns war von vornherein wichtig ein Unternehmen zu sein, das alle Vielfalt der nachhaltigen Materialien nutzt und keine Materialgruppe ausschließt. Wir sind der Meinung, dass es das perfekte Material noch nicht gibt. Aus diesem Grund nutzen wir alle richtig guten Alternativen zu konventionellen Materialien. Das geht natürlich bei Bio-Baumwolle – als das offensichtlichste Material – los, aber auch Bio-Leinen, Tencel oder Modal. Vor allem recycelte Materialien, wie recycelte Baumwolle,  recyceltes Polyester oder recyceltes Polyamid sind uns wichtig. Bio-Baumwolle ist zwar ein sehr sauberes Material, aber es ist eben auch eines, das wahnsinnig viel Wasser und Platz auf der Erde braucht – Ressourcen, die wir  langfristig gesehen nicht haben. Deswegen sind wir Verfechter des Recyclings und wollen dieses weiter vorantreiben. Dafür müssen aber noch bessere Recyclingverfahren entwickelt werden. Das Baumwoll-Recycling ist nach wie vor sehr schwach, was schwer zu verstehen ist, wenn man sich überlegt, dass wir zwar auf den Mond fliegen können, es aber nicht schaffen, Baumwolle richtig zu recyceln. Genau deswegen ist es uns wichtig, das volle Spektrum abzudecken, auch neue Materialien auszuprobieren und nach neuen nachhaltigen Alternativen zu suchen. Zum anderen ist es uns auch wichtig, unterschiedliche Strukturen und Haptiken in der Kleidung zu haben. Das war auch ein Aspekt, der uns bei nachhaltiger Mode gestört hat. Es gibt zwar coole Schnitte, die Materialien sind aber häufig entweder sehr stumpf oder aus zu lockerem  Jersey und Sweat. Damit nachhaltige Mode letztendlich wirklich eine Alternative werden kann, muss da noch etwas getan werden. Nachhaltigkeit ist wichtig und ein absolutes Muss, aber das Auge isst eben mit, deshalb dürfen dort keine Abstriche gemacht werden.“

JnJ_KleidOrange

Wo produziert Ihr?

Wir produzieren in Polen bei der Familie Ciborski, einem Familienunternehmen in Breslau. Polen war für Europa lange ein wichtiger Textilstandort und glücklicherweise ist die Produktion dort nicht ganz so eingefallen wie bei uns in Deutschland. Allerdings ist es auch dort nur noch sehr wenig, weshalb die Produktion  jede Saison vor der neuen Herausforderung steht, mehr Leute einstellen zu wollen, aber niemanden findet. Breslau hatte einmal mehrere Nähschulen, die alle hintereinander geschlossen werden, da niemand mehr den Beruf der Näherin oder des Nähers erlernen möchte. Zur Zeit sind langjährige Angestellte im Betrieb, die teilweise aus dem Ruhestand zurückgekehrt sind. Langfristig ist das aber natürlich keine Lösung. Je nachdem wie sich diese Situation entwickelt, müssen wir über eine zweite Produktionsstätte nachdenken. Da wir aufgrund kurzer Transportwege  in Europa bleiben möchten, können wir uns sehr gut vorstellen, nach Portugal zu gehen.

Das Baumwoll-Recycling ist nach wie vor sehr schwach, was schwer zu verstehen ist, wenn man sich überlegt, dass wir zwar auf den Mond fliegen können, es aber nicht schaffen, Baumwolle richtig zu recyceln.

Wie wichtig ist der vegane Aspekt für Euch? 

„Wir haben zwar eine sehr große vegane Zielgruppe, unsere Intuition war es aber nicht, ein veganes Label zu werden. Momentan schließen wir tierische Fasern komplett aus, da es nicht in unsere Preispolitik passen würde. Recycelte Wolle oder Wolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung  zum Beispiel sind sehr teuer – was in jedem Fall berechtigt ist, denn es darf nicht gespart werden, wenn ein Tier involviert ist. Aktuell ist unsere Kollektion also komplett vegan. In der Zukunft wäre recycelte Wolle, in einer kleinen Nebenkollektion, aber nicht komplett auszuschließen. Dafür muss der Prozess allerdings noch viel besser werden, denn momentan ist vor allem das Recycling sehr schwierig und wird deshalb kaum angeboten.“

Was unterscheidet Euch von anderen nachhaltigen Labels?

„Die Mischung aus Modegrad und Bezahlbarkeit. Wir versuchen immer eine sehr  modische Aussage zu machen, ohne mit  den Preisen zu hoch zu gehen, was nicht immer einfach ist.“

JnJ_Blouson

Was war bisher Eure größte Herausforderung?

„Ganz am Anfang waren die Mindestbestellmengen der Stofflieferanten eine ziemlich große Herausforderung. Meist muss man von einem Stoff pro Farbe mindestens 300 Metern abnehmen, was am Anfang eigentlich nicht möglich ist. Einen Anbieter zu finden, der auch kleine Mengen anbietet, war nicht einfach. Besonders wenn man mit einer gewissen Vorstellung sucht, die Kollektion schon geplant hat und dann feststellt, dass dann man die entsprechenden Stoffe nicht bekommen wird. Inzwischen ist das zum Glück etwas einfacher, denn wir sind natürlich auch größer geworden und können nun mehr Stoff abnehmen.“

#byebyefastfashion – Wie wollt Ihr es schaffen, der konventionellen Modeindustrie ein Ende zu bereiten?

„Vor allem durch eine gute Kommunikation und Marketing. Zu unserer Zielgruppe gehören zum einen Kundinnen, die sich schon lange mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen – die haben wir natürlich sehr gerne, denn das sind die Pioniere. Unsere Hauptzielgruppe sind allerdings vor allem Mädchen und Frauen, die normalerweise Fast Fashion kaufen, so langsam aber ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln, nicht länger die Augen verschließen und die Bedingungen der konventionellen Industrie unterstützen wollen. Um diese Kundinnen für sich zu gewinnen und auf uns aufmerksam zu machen, bedarf es einer guten Kommunikation. Wir wollen nicht mit dem Zeigefinger daran gehen, sondern mit Witz. Außerdem soll es ein erstrebenswerter Lifestyle werden – es soll cool sein, etwas Gutes zu tun. Ich glaube, die Leute zu überzeugen, schafft man nur über die zusätzliche Kommunikation, da kann das Produkt noch so cool sein. #byebyefashion ist unser Hashtag, der aus diesen Gedanken entstanden ist.“

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Ihr schafft durch die ECO-ID, die es für jeden Artikel gibt, viel Transparenz.  Worauf dürfen wir uns in Zukunft noch freuen? 

„Wir möchten die ECO-ID gerne noch weiter ausbauen und  viel interaktiver gestalten, sodass man durch Klicken Fotos der Produktionsstätten und die Herkunft der Materialien sieht, wie zum Beispiel das Baumwollfeld. Über eine Weltkarte soll man sehen können, wie viele Kilometer das Kleidungsstück zurückgelegt hat, bis es im Lager angekommen ist. Was uns im Team dafür noch fehlt, ist jemand, der Programmieren kann, weshalb das im Moment leider hinten über fällt. Es ist aber in Planung.“

Welche Steine werden einem in den Weg gelegt, wenn man sich entscheidet, ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen?

„Zum einen ist die nachhaltige Modebranche viel cooler als die konventionelle, weil sie nicht so oberflächlich ist. Man kann sich gut connecten und es wird sich auch mal gegenseitig geholfen. Das ist schön. Was ich allerdings manchmal etwas schwierig an der Branche finde, ist das sich wiederum auch schnell mal gegenseitig in den Rücken getreten wird. Nach dem Motto “Wer ist hier der Nachhaltigste? Wer macht es am Besten?” muss man sich schnell für alles rechtfertigen und es wird einem schnell auf die Finger gehauen. Wir versuchen immer unser Bestes, aber niemand ist perfekt. Zum Beispiel wollten wir am Anfang recycelte Baumwolle einsetzen und haben dafür ein Material aus 65% recycelter Baumwolle und 35% konventioneller Baumwolle gefunden. Natürlich würden wir gerne Bio-Baumwolle nutzen, leider arbein die Recycling-Branche und die Bio-Branche aber nicht wirklich zusammen, wodurch wir nur diese Mischung nutzen konnten. Wir wurden ständig gefragt, warum die konventionelle Baumwolle nicht Bio-Baumwolle sei und uns wurde vorgeworfen, dass wir in diesem Aspekt nicht nachhaltig genug sind.“

JnJ_Print

Wie sieht ein klassischer Tag bei Euch aus?

„Einen ganz klassischen Tag gibt eigentlich nicht, wobei wir mittlerweile mit einem größeren Team mehr Strukturen haben als zu Beginn. Klassisch ist eigentlich, dass wir uns morgens treffen und erst einmal alles für den Onlineshop packen. Den Rest des Tages werden verschiedene Aufgaben abgearbeitet, die Anna und ich neben unseren eigenen Aufgaben auch an die Mädels verteilen. Dabei kommt es immer ganz auf die Phase an. Gerade haben wir Auslieferungen, wo alles anders ist als sonst. In der Zeit kommt die Ware bei uns an, das Lager wird neu sortiert und dann an die Läden ausgeliefert. Oft gibt es auch Tage, wo jeder ab Nachmittag an seinem Laptop arbeitet und E-Mails beantwortet.“

Ihr habt eine ganz besondere Mitarbeiterin, die uns interessiert. Sie ist klein, schwarz und pelzig… 😉 

JnJ_Mohrchen

„Das ist Annas Katze Möhrchen und sie bewohnt gemeinsam mit uns das Office in ihrem Elternhaus. Sie wird jetzt schon 18 Jahre alt – eine sehr alte Dame. Möhrchen findet immer alles ganz spannend, läuft hier rum, lässt sich streicheln und guckt den Mädels beim Packen zu. Sie ist aber schon sehr Katze Katze und macht nur das, worauf sie auch Lust hat. Manchmal springt sie Bewerber/innen bei Vorstellungsgesprächen auf den Schoß und hat so schon den ein oder anderen leicht aus der Fassung gebracht. Wenn wir in unser neues Büro ziehen, werden wir sie auf jeden Fall vermissen.“

JnJ_Lieblingsteil

Wenn Ihr einen Wunsch frei hättet, was wäre das wichtigste, was sich in Zukunft ändern müsste? (politisch, gesellschaftlich, …)

„Es wäre einfach schön, wenn das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und nachhaltige Mode noch stärker wächst. Ich möchte nicht ein zweites Rana Plaza erleben, damit noch mehr Leute aufmerksam werden. Es muss sich generell etwas in die Köpfen der Konsumenten tun und noch viel mehr aufgeklärt werden. Sowohl von Seiten der Eltern als auch in Schulen. Ich glaube, dass sich mit der Zeit einiges dadurch tun wird, dass wir alle, die jetzt schon aktiv sind, einmal Kinder haben werden und wir diese mit unseren Werten groß ziehen. Es muss aber einfach einen Ticken schneller gehen. Deswegen hoffe ich, dass sich immer mehr Leute für eine faire Produktion und Nachhaltigkeit interessieren. Konsumenten haben die größte Macht. Wenn die Konsument in der Masse nachhaltige Mode verlangen, ändert sich etwas. Es ist das einzige, worauf der Markt reagiert.“

Vielen Dank für’s Interview, liebe Jula! 

Fotos: JAN ‚N JUNE

Alle Bilder wurden von JAN ´N JUNE zur Verfügung gestellt. Kollektionsbilder von Fotografin Lena Scherer. 

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