„Die Bedingungen bei konventioneller Denim-Produktion sind katastrophal!“

Warum wurde wunderwerk gegründet?

Heiko: „Ich wollte mich schon vor gut zwanzig Jahren selbstständig machen, aber wurde durch zu gute Jobs, die zu viel Spaß gemacht haben, davon abgehalten. Durch die bin ich aber letztendlich zur nachhaltigen Mode gekommen. Durch meine vorherigen Jobs war ich ungefähr 7 Jahre lang fast monatlich in Fernost. Dort musste ich feststellen, dass die Vorgaben für die Produktion von den MitarbeiterInnen nicht eingehalten werden. Sie tragen zum Beispiel gerade bei der Produktion von konventionellen Denimjeans keine Schutzmasken – katastrophal! Es ist viel zu heiß und zu feucht und die Leute sehen für sich selbst gar keine langfristige Gefahr, weil sie nicht direkt am nächsten Tag oder im nächsten Jahr krank sind. Sie nehmen nicht wahr, dass die Menschen sehr früh sterben, oder sehr früh an bestimmten Dingen wie Krebs und Hautkrankheiten erkranken. Die ArbeiterInnen laufen in der Wäscherei barfuß in Unterhemd herum, arbeiten 12 Stunden, manchmal auch länger. Es besteht eine riesige Fürsorgepflicht. Diese Bedingungen wollte ich nicht unterstützen: Deshalb habe ich wunderwerk gegründet. Schon seit der Gründung bin ich konsequent vorgegangen. Mir war von vorne herein klar, dass ich nicht nur Organic Cotton einsetzen werde, sondern das Ganze vom Herzen aus aufbaue. Der Grundgedanke war von Anfang an: Wie können wir das alles vermeiden und dafür sorgen, dass Chemikalien, aber auch Plastik gar nicht erst in den Kreislauf kommen? Insofern ist das eine Sache, die von vorne herein haarklein bis ins Detail geplant wurde. Deswegen ist der Slogan auch „more than organic“, da es nicht ausreicht „nur“ Bio-Baumwolle einzusetzen, sondern auch die Veredelungsprozesse wie die Wasch- und Färbeprozesse nachhaltig umgesetzt werden müssen.“

Welches sind Eure wichtigsten Werte?

Heiko: „Für uns ist Regionalität wichtig. Deshalb steht die EU als Produktionsstandort sehr stark im Fokus. Von Anfang an hatte das eine große Bedeutung für mich, denn Griechenland und Portugal waren die ersten Produktionsländer, denen es wirtschaftlich besonders schlecht ging. Durch die Textilproduktion in der Türkei und China wurden sie aber damals komplett abgelöst. Portugal erholt sich gerade sehr gut, als ich aber das Konzept 2008/2009 angefangen habe, hatten diese Länder sehr zu leiden. Deswegen fokussieren wir uns dort am meisten. Die Stoffe für die Denims kommen meist aus Italien und werden größtenteils in einem deutschen Betrieb in Tunesien gefertigt. Den Betrieb kenne ich schon lange und er zählt für mich zu den besten Wäschereien weltweit. Von Beginn hat sich der Betrieb auf eine nachhaltige Produktion spezialisiert und sehr früh auf nachhaltige Technologien und Verfahren gesetzt. Seit mehr als zehn Jahren wird dort schon wasserarm gewaschen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auch auf Denim. Alle Jeans sind grundsätzlich fair und ökologisch und werden mit  viel Handarbeit gefertigt. Es wird zudem von vorne herein kein Chlor und kein Potassium (Kaliumpermanganat)  verwendet, denn das sind mit die schädlichsten Stoffe in der Jeansproduktion. Außerdem ist jede unserer Jeans vegan, weil wir kein Leder-Badge verwenden. Uns ist auch der schonende und sparsame Umgang mit den Ressourcen wichtig. Bisher gibt es bei uns keine Jeans bei der mehr als 10 Liter Wasser verbraucht werden. Das Allerwichtigste dabei ist aber, dass dieses Wasser nicht durch Chemikalien verunreinigt wird. Denn so sehen wir das letztendlich: Wir wollen keine giftigen Substanzen in den Umlauf bringen und auch nicht tragen. Aus diesem Grund möchten wir weitesgehend kein Plastik und keine Mineralöl-basierten Kunststofffasern verwenden. “

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Steht bei Euch der ökologische oder der soziale Aspekt mehr im Vordergrund?

Heiko: „Beide Aspekte sind uns sehr wichtig. Den ökologischen Aspekt findet man vor allem in unseren Stoffen wieder, aber der soziale Aspekt gehört ebenso dazu. Wir achten darauf, dass unsere Produkte für niemanden schädlich sind. Da die Produktion in der EU stattfindet, sind die sozialen Kriterien nicht so gefährdet wie in Risikoländern. Es gibt hier, vor allem in Portugal und Griechenland, ganz andere, deutlich  höhere Standards. Ich habe dort noch nie eine Produktion mit einem so niedrigen Standard gesehen, wie ich ihn von früher aus Fernost kenne. Die Betriebe, in denen wir produzieren, besuche ich ein bis drei Mal im Jahr und kenne sie seit langem. Manche Betriebe sind sogar durch den Standard ISO9000 abgenommen. Auch die Bezahlung ist grundsätzlich immer fair.“

„Es sollen möglichst viele Menschen sehen, dass man auch nachhaltige Mode machen kann.“

Woher bezieht Ihr Eure Materialien und worauf achtet Ihr bei der Beschaffung?

Heiko: „Die Zutaten und die Stoffe für unsere Produkte beschaffe ich selbst. Wir setzen sehr viele Stoffe ein, die aus Deutschland kommen, aus Österreich oder auch aus der Schweiz. Das Garn für die Hemdenstoffe zum Beispiel kommt fast ausschließlich aus der Schweiz und wird in Österreich gewebt. Für 80% unseres Stricks wird das Garn in Deutschland gesponnen und dann auf die Produktionsländer verteilt.

Wir achten auch darauf, dass keine giftigen Chemikalien eingesetzt werden. Dabei halten wir uns zum Beispiel an die GOTS-Richtlinien. GOTS erstellt eine Positivliste, deren Chemikalien als unbedenklich für Mensch, Tier und Natur gelten. Wir verwenden außerdem keine Mineralöl-basierten Kunststofffasern, ausgenommen davon sind Elastan und Regeneratfasern wie Tencel® und Modal Edelweiß®.

Modal Edelweiß® ist für uns noch nachhaltiger als Tencel®, weil es aus heimischem Buchenholz gemacht wird. Tencel® wird aus Eukalyptus gewonnen und wächst auf Plantagen in Zentral- und Südafrika. Die Rohstoffe für Modal Edelweiß® kommen aus Österreich, Deutschland und der Tschechischen Republik – es ist also nicht weit weg und auch die Trageeigenschaften sind toll. Durch die Mischung von Baumwolle und Modal Edelweiß® bei unseren T-Shirts fühlen sie sich sehr gut an und sind dabei nachhaltig. Die Baumwolle hat kein starkes Pilling, einen besseren Stand und durch das Modal Edelweiß® brauchen wir keine Weichmacher. Das T-Shirt bleibt auch nach vielen Wäschen noch genauso weich wie zu Beginn.“

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Wie wichtig ist der vegane Aspekt? Was hindert Euch daran, komplett vegan zu produzieren?

Heiko: „Wir sind schon fast vegan. Dass wir noch nicht ganz vegan sind, liegt daran, dass wir auch in den konventionellen Modemarkt möchten und deshalb möglichst viel anbieten wollen. Inzwischen ist die Entwicklung unseres Tencel® aber so weit,  dass wir es in manchen Teilen anstelle von Seide einsetzen. Bei Tencel® gibt es hundert Millionen verschiedene Möglichkeiten. Unseres ist nicht nur ultra fein, sondern wird auch ohne Formaldehyd hergestellt, weshalb wir einen anderen Produktionsprozess haben. Das heißt, es ist eine eigene wunderwerk Entwicklung, genau wie alle unsere T-Shirt Qualitäten.  Wir gehen also immer mehr in die Richtung, vegan zu werden.“

Was war bisher Eure größte Herausforderung?

Heiko: „Das ist schwer zu sagen, aber vermutlich war es am schwersten, schon zu Anfang eigene Stoffe zu entwickeln. Selbst die reduzierten Mindestabnahmemengen der Spinnereien sind so hoch, dass wir für Jahre genug Stoffe auf Lager hatten. Das war finanziell eine sehr große Herausforderung. Jetzt im Moment ist es das Wachstum: Das Wachstum, das wir die ganze Zeit haben, in Verbindung mit Lagerbeständen, die man richtig abschätzen muss. Außerdem kann das Kaufverhalten der KundInnen eine Herausforderung sein. Wir machen keinen Midseason Sale und auch sonst keine besonderen Sale Aktionen. Nur am Ende jeder Saison zwei Wochen, sprich Ende Juli einen Sommerschlussverkauf und Ende Januar einen Winterschlussverkauf. Das Konzept ‚Dauer-Sale‘ ist nicht nachhaltig und dadurch macht sich der Markt selbst kaputt. Besonders der konventionelle Markt möchte am liebsten immer im Sale kaufen.“

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Was wollt Ihr mit Eurer Mode erreichen?

Heiko: „Wir möchten den Markt von innen heraus verändern. Jede „Bio Hose“ ist besser als eine andere. Deshalb ist es natürlich gut, wenn ich es schaffe, eine/n KundIn zu gewinnen, der sonst konventionell kauft.  Wir möchten, dass mehr KundInnen nachhaltig kaufen und auch die bessere Qualität der Produkte zu schätzen wissen. Um das zu erreichen, nehmen wir eine geringe interne Kalkulation in Kauf und bieten somit ein außergewöhnliches Preis-Leistungs-Verhältnis.“

„Das Konzept ‚Dauer-Sale‘ ist nicht nachhaltig und dadurch macht sich der Markt selbst kaputt.“

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Heiko: „Grundsätzlich natürlich aus kaufmännischer Sicht, dass wir immer mehr wachsen und eine “Lovemark” werden. Es ist uns sehr wichtig, dass unsere KundInnen uns zu schätzen wissen, wie tief wir bei der Nachhaltigkeit ins Detail gehen und was für ein gutes Preis-Leistungsverhältnis wir haben. Wir wünschen uns, dass die KundInnen uns als Marke toll finden und gerne unsere Qualität möchten. Es sollen möglichst viele Menschen sehen, dass man auch nachhaltige Mode machen kann. Ich sage extra nicht bio, sondern nachhaltige Methoden oder Herstellungsverfahren. Das heißt nicht, dass die Kleidung ‚ökelig‘ aussehen muss. Das ist uns das Wichtigste.“

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Ihr setzt schon jetzt in der Herstellung von Jeans und der Färbetechnik auf Innovation. Worauf dürfen wir uns in Zukunft noch freuen?

Heiko: „Freuen könnt Ihr Euch nicht nur in der Zukunft, sondern schon jetzt mit der neuen Kollektion unter anderem auf eine neue Bleach Jeans. Diese Jeans  ist eine Weltneuheit. Wir schaffen es jetzt echt zu bleachen, ohne schädliche Chemikalien zu verwenden. Früher haben wir den Effekt durch Airbrush erzielt, weil es anders nicht möglich war. Inzwischen bekommen wir das noch authentischer hin.

Außerdem werden wir  in Zukunft unsere Ware in einem plastikfreien, biologisch abbaubaren Sustainable Polybag versenden. Beim Versand wird sehr viel Plastik verwendet – das wollen wir ändern. Jede Plastiktüte, die durch ein super einfach recycelbares Produkt ersetzt wird, ist gut für die Umwelt. Deshalb haben wir eine Tüte entwickelt, die nicht auf Erdöl basiert und die mit Papier entsorgt werden kann. Man kann sie aber auch in den Bio-Müll oder natürlich auch in den normalen Müll geben. Wir werden die Quelle dieser Tüte in Kürze veröffentlichen, sodass auch andere Hersteller, Marken und Mitbewerber diese nachhaltigen Verpackungen beziehen können.“

Auch für Eure Produkte wird kein Plastik verwendet. Warum?

Heiko: „Uns ist es sehr wichtig, möglichst keine Erdöl-basierten Produkte in den Umlauf zu bringen. Dazu gehört für uns auch von Anfang an Plastik. Die Umweltbelastung durch Plastik ist viel zu hoch. Auch beim Waschen von z.B. Polyacryl lösen sich Minifasern ab und es entsteht Microplastik. Abgesehen davon, dass manche Dinge auf der Haut nicht gut sind. Wir nutzen auch keine recycelten Fasern, weil diese normalerweise nicht sortenrein und sauber sind und der Energieaufwand viel zu groß ist.“

Über welches Ereignis oder welche Entwicklung habt Ihr Euch seit der Gründung von wunderwerk am meisten gefreut?

Heiko: „Dass das Label von Tag Eins an so erfolgreich ist. Es hat uns sehr gefreut, dass das Konzept so toll angenommen wurde, uns so viele KundInnen das Vertrauen geschenkt haben und auch immer noch schenken.“

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Könnt Ihr Euch vorstellen, in Zukunft ein Closed-Loop-System* einzuführen?

Heiko: „Wir hatten schon sehr gute Gespräche mit einer sehr großen Firma, die Kleidung sammelt. Das mag für manche ganz gut sein, aber zu uns passt Recycling nicht. Für mich persönlich ist bislang das meiste mit Greenwashing verbunden, da die Kleidung meist per Kilo verkauft und daraus Profit geschlagen wird. Ich finde es toll, wenn Kleidung, die nicht mehr tragbar ist, gespendet wird. Jedoch nicht, um daraus neue Kleider zu machen, sondern wenn es in Autositzen verwertet wird oder man zum Beispiel Dachziegel draus macht. So etwas ist super. Das Upcyceln zu neuer Kleidung ist sehr schwierig und das System ist noch nicht ausgereift. Denn es gibt viele Mischfasern, die man gar nicht sortieren kann. Wir haben im Moment einen anderen Fokus, sagen wir es mal so.“

*Der geschlossene Kreis („closed loop“) bedeutet: Alle Produkte und Materialien werden so hergestellt und behandelt, dass sie so lange wie möglich nutzbar sind. Dabei soll es so wenig wie möglich Umwelteinfluss, Müll und Ressourcenverschwendung geben. Die Bestandteile sollen auch in anderem Zusammenhang genutzt werden, um ihre Lebensdauer zu verlängern. Im Modebereich heißt dies, dass Textilfasern alter Kleidungsstücke kontinuierlich recycelt oder upgecycelt und weiterhin zu neuen Kleidungsstücken der gleichen Qualität verarbeitet werden.

Vielen Dank für’s Interview, lieber Heiko! Wir freuen uns schon auf die neue Kollektion von wunderwerk!

Alle Bilder wurden von wunderwerk zur Verfügung gestellt.

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