Warum ein faires T-Shirt 29 Euro kostet und was wir damit zu tun haben

Neulich haben wir diese Infografik auf unserem Instagram Kanal gepostet:

Infografik zum Preis eines T-Shirts von Fair Wear Foundation und Lohn zum Leben

Damit wollten wir transparent machen, aus welchen verschiedenen Bestandteilen sich der Preis eines fair produzierten T-Shirts zusammensetzt. Der Preis, den Du beim Kauf im Einzelhandel oder direkt beim Label zahlst.

Die Daten zu der Infografik stammen von der Fair Wear Foundation und können hier im Detail nachvollzogen werden. Unter unseren Instagram Post hat dann Kipepeo, ein Hersteller von fairer Kleidung und spezialisiert auf die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen in Afrika, Folgendes kommentiert.

Infografik zum Preis eines T-Shirts mit Fokus auf die Handelsspanne

Wir möchten diesen Kommentar zum Anlass nehmen, Dir die Funktions- und Arbeitsweise eines Händlers von nachhaltigen Textilien näherzubringen und die Zusammensetzung des T-Shirt Preises noch genauer zu erläutern, nämlich aus Sicht des Einzelhändlers.

Wir hoffen damit, die von Kipepeo gewünschte Diskussion anzustoßen und gemeinsam herauszufinden, in welchen Bereichen es in der Eco Fashion Branche noch Potential gibt, um die Bedürfnisse aller Beteiligten in der komplexen Wertschöpfungskette der Textilproduktion besser zu verstehen.

Wie kommt Dein Lieblingsteil vom Label zu Dir?

Vielleicht hast Du Dich auch schonmal gefragt: Was muss eigentlich alles passieren, bis Du ein Kleidungsstück bei uns oder dem Händler Deines Vertrauen kaufen kannst?

Ich versuche mal, Dir das genauer zu erklären:

Im Gegensatz zu der konventionellen Modeindustrie, in der alle 6-8 Wochen neue Kollektionen auf den Markt geworfen werden (Stichwort: Fast Fashion), gibt es in der nachhaltigen Modeindustrie bis auf wenige Ausnahmen nur zwei Kollektionen pro Jahr: Die Frühjahr/Sommer und die Herbst/Winter Kollektion.

Von unserem ersten Kontakt mit den neuen Kollektionen bis zum Verkauf in unseren Stores vergeht eine lange Zeit, die sich in 4 Phasen einteilen lässt:

Christina Wille von LOVECO am Stand von bleed clothing auf der Fashion Week

9 Monate vor Verkauf (Juli 2018): Neue Kollektionen & Labels entdecken

Gerade ist die Fashion Week in Berlin zu Ende gegangen. Dort präsentieren so gut wie alle nachhaltigen Hersteller ihre neuen Kollektionen. Unsere Aufgabe besteht u.a. darin, aus den angebotenen Kollektionen und Herstellern, unsere Lieblingsstücke auszusuchen, uns über neue Labels zu informieren und genau bei den Produktions- und Arbeitsbedingungen nachzufragen.

Mit diesen Eindrücken starten wir in die Planung der Kollektionen und Mengen, die wir bestellen möchten. Und zwar nicht für die bevorstehende Herbst/Wintersaison, sondern schon für das Frühjahr & Sommer 2019.

7-8 Monate vor Verkauf (August / September 2018): Einkaufsbudgets überlegen & Ordern schreiben

Jetzt beginnt die Orderzeit. Wir müssen uns entscheiden: Welche Styles in welcher Menge, zu welchen Größenschlüsseln und von welchen Labels wollen wir für die Sommersaison 2019 bestellen? Dabei versuchen wir zu berücksichtigen, wie die voraussichtliche Nachfrage in 6-9 Monaten aussehen wird und welche Trends kommen (und wieder gehen).

Unser Ordervolumen (und das aller anderen Händler) bildet dann die Grundlage für die Produktion der Kleidungstücke bei den Labels.

1-2 Monate vor Verkauf (Februar / März 2019): Die neuen Kollektionen kommen an

Die ersten Lieferungen der neuen Kollektionen kommen bei uns an, werden ausgepackt, kontrolliert und in unser Sortiment aufgenommen. Für unseren Online Shop schreiben wir zusätzlich Texte und pflegen Produktbilder ein, manchmal organisieren wir noch ein eigenes Fotoshooting dafür. Diese Aufgabe erledigen wir für diese Saison für ca. 400 verschiedene Styles.

Zeitgleich mit der Lieferung erhalten wir die Rechnungen der Lieferanten.

Ab März / April 2019: Der Verkauf startet…

Endlich stehen die neuen Kollektionen, die wir vor neun Monaten das erste Mal gesehen und bestellt haben, in unseren Läden und dem Online Shop zur Verfügung.

Ab jetzt hoffen wir natürlich, dass alle Teile der Kollektion in den nächsten Monaten verkauft werden, wir die richtigen Styles ausgewählt haben und uns bei den Größenschlüsseln nicht vertan haben.

Haben wir das nicht geschafft, müssen wir am Ende der Saison (leider) einige Teile zu reduzierten Preisen verkaufen. Denn wir haben nur begrenzte Lagerkapazitäten und die neue Saison steht schon wieder vor der Tür: Der Prozess beginnt von vorne…

Ich hoffe, ich konnte Euch damit einen kleinen Einblick in unsere Aufgabe als Händler von fairer und nachhaltiger Mode geben. Weiter geht’s mit der Preiszusammensetzung eines fairen T-Shirts.

Der Teufel steckt im Detail: Prozente und Anteile

Schauen wir uns die Grafik nochmal genauer an:

Infografik zum Preis eines T-Shirts von Fair Wear Foundation und Lohn zum Leben

Wir sehen: Über die Hälfte des Verkaufspreises geht an den Händler, der Hersteller bekommt etwas mehr als 10% und die Näherinnen und Näher erhalten weniger als 1% des Verkaufspreises. Materialkosten (also die Stoffe) machen ebenfalls nur einen kleinen Teil des Gesamtpreises aus.

Aus Sicht des Einzelhändlers möchte ich auf zwei Punkte kurz genauer eingehen, da diese nicht sofort ersichtlich sind:

Die Art der Darstellung berücksichtigt leider nicht alle Beteiligten

In dem Einzelhandelanteil sind nämlich die 19% Mehrwertsteuer (bei Verkauf in Deutschland) enthalten, die der Einzelhändler an den Staat abführen muss. Somit verdient also auch der Staat an jedem verkauften T-Shirt mit.

Die Berechnung der Mehrwertsteuer ist eine komplizierte Sache. Dass der Händler 19% abführen muss, bedeutet nicht, dass sein Gewinn um 19% schrumpft. Einen Teil der Mehrwertsteuer kann er sich auch wieder vom Finanzamt zurückholen.

Im endgültigen Verkaufspreis ist diese Problematik allerdings nicht abgebildet und muss daher extra betrachtet werden.

Unterschiedliche Preisniveaus werden vernachlässigt

Die Aufsplittung auf Basis des Verkaufspreises suggeriert leider, dass das Preisniveau in allen betrachteten Ländern gleich ist. Man läuft bei der Analyse also leicht Gefahr, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Der Anteil des Arbeitslohnes der Näherinnen und Näher am Gesamtpreis ist verschwindend gering.

Allerdings ist das Preisniveau in den Produktionsländern in der Regel auch deutlich geringer, so das ein fiktiver Euro dort wesentlich mehr wert ist als in Deutschland. Um hier Missverständnisse zu vermeiden: Selbstverständlich sind wir uns einig, dass die Arbeitslöhne in den Produktionsländern viel zu gering sind und weiter steigen müssen.

Aber um dieser Ungenauigkeit zu entgehen, sollte eine Aufsplittung der Kosten bzw. Zahlungen aller Beteiligten als prozentualer Anteil des Preises nur vorgenommen werden, wenn das Produktions- und Verkaufsland identisch sind bzw. zumindest vergleichbare Preisniveaus der beteiligten Länder vorliegen.

Wir würden uns daher sehr freuen, wenn die Preiszusammensetzung für ein faires T-Shirt entweder direkt durch ein Label oder durch die Fair Wear Foundation exemplarisch kalkuliert wird, welches komplett in Deutschland produziert wird.

 

Mit diesen zwei Einschränkungen können wir uns jetzt genauer mit dem Preis beschäftigen, den Du für ein faires T-Shirt bezahlen musst. Denn bisher gibt es noch keine öffentlich zugänglichen Daten, welche verschiedenen Kostenarten ein typischer Händler mit seinem Anteil am Preis eines fair produzierten T-Shirts abdecken muss. Und das ändern wir jetzt!

Wir machen unsere Kosten transparent!

Im folgenden Abschnitt erweitern wir die ursprüngliche Infografik und splitten den großen Kuchen des Einzelhandelanteils genauer auf. Dazu zerlegen wir die Handelspanne, die wir im Durchschnitt erzielen (59%), in unsere verschiedenen Kostenblöcke.

Die Daten stammen aus unseren Verkaufszahlen und Kostenarten aus den letzten 12 Monaten. Wir veröffentlichen nicht nur die verschiedenen Kostenarten, sondern jeweils auch den Anteil an unserer tatsächlichen Handelsspanne. Bereit? Los geht’s:

Infografik zum Preis eines T-Shirts mit Fokus auf die Handelsspanne

Unsere tatsächliche Handelsspanne inklusive Mehrwertsteuer (brutto) lag in den vergangenen 12 Monaten nur bei 56%. Die Differenz von 3% entsteht durch gewährte Rabatte und Verkaufsaktionen (über die Notwendigkeit von Rabatten und Sale erfährst Du hier mehr). Nach Abzug der Mehrwertsteuer ergibt sich eine Handelsspanne (netto) von 47%:

Infografik zur Brutto und Netto Handelsspanne bei LOVECO

Die Handelsspanne von 47% bzw. 13,86 Euro pro verkauftem T-Shirt ist unsere tatsächliche Handelsspanne nach Abzug der Mehrwertsteuer. Davon müssen wir unsere Kosten decken. In der folgenden Grafik schlüsseln wir alle Kostenarten auf und bilden zusätzlich unseren kalkulierten Gewinn ab.

Die aufgeschlüsselte Handelsspanne bei LOVECO

Und hier findest Du zu jeder Kostenart noch eine ausführlichere Erklärung (einfach auf das + klicken):

Personal

Der mit Abstand größte Posten. Hierzu zählen die Löhne und Gehälter für unsere Store Manager und Aushilfen, für unser Online Shop Team und die Geschäftsführung. Unser Team besteht derzeit aus 9 MitarbeiterInnen mit unterschiedlichem Umfang der Arbeitszeit. Umgerechnet beschäftigen wir derzeit 6 Vollzeit Beschäftigte.

Raumkosten

Der zweite große Posten. Unsere Miete inkl. Instandhaltung für unsere Concept Stores, Lagerräume und das Büro fallen hier rein.

Marketing

Grob zusammengefasst sind das unsere Ausgaben, um LOVECO bekannter zu machen und mehr Menschen für faire und nachhaltige Mode zu begeistern. Ausgaben für Prospekte, Flyer, Online Marketing Maßnahmen sowie Kooperationen mit Bloggern & Magazinen verbergen sich unter diesem Posten.

Sonstige Kosten

Ein Sammelposten. Hier erfassen wir u.a. Ausgaben für Büro- und Verbrauchsmaterial, Kontoführungsgebühren, Versicherungsbeiträge und Rechts- bzw. Steuerberatung.

Shopsystem & IT

Hierzu zählen die monatliche Lizenzgebühren für unser verwendetes Shopsystem sowie die technische Betreuung des Online Shops.

Verpackung & Versand

Kosten für den Versand und Rückversand unserer Bestellungen aus dem Online Shop sowie Verpackungsmaterial (Karton, Seidenpapier, veganes Klebeband).

Transaktionskosten

Die Kosten für bargeldlose Transaktionen in unseren Stores (EC- und Kreditkarte) sowie in unserem Online Shop (Paypal, Kreditkarte etc.) erfassen wir in den Transaktionskosten.

Abschreibungen

Alle Ausgaben für größere Investitionen, wie z.B bei der Eröffnung eines neuen Ladens werden in die Folgejahre übertragen und entsprechend aufgeteilt. Diese Verteilung der Kosten auf mehrere Jahre werden dann als Abschreibungen erfasst und mindern den Gewinn.

Gewinnsteuern

Ca. 30% unserer erwirtschafteten Gewinne müssen wir versteuern (Gewerbesteuer, Körperschaftssteuer, Solidaritätszuschlag).

Zinsen

Zinszahlungen an unsere Bank, die wir für die Aufnahme von Krediten zahlen müssen.

Gewinn

So viel blieb in den vergangenen 12 Monaten unterm Strich für das unternehmerische Risiko und die Übernahme persönlicher Bankbürgschaften übrig. Als Händler haben wir also in den letzten 12 Monaten an jedem fair produzierten T-Shirt 0,87 Euro verdient.

Für alle, die es ganz genau wissen möchten: Wir kalkulieren derzeit mit einem Gewinn, der unserer sogenannten Kapitaldienstgrenze entspricht. Diese Grenze ist eine wichtige Kennzahl, mit der Banken beurteilen, ob ein Unternehmen kreditwürdig ist und es seine Kredite inkl. Zinsen rechtzeitig zurückzahlen kann. Fällt der Gewinn eines Unternehmens dauerhaft unter diesen Wert bzw. fallen sogar Verluste an, wird das Unternehmen mittelfristig keine Kredite bei Banken mehr bekommen und früher oder später Insolvenz anmelden müssen.

 

Genug der Zahlen!

Wir hoffen, dass wir als Händler mit diesem Beitrag für etwas mehr Transparenz bei der Zusammensetzung und Aufsplittung des Preises eines fair produzierten T-Shirts sorgen können. Wenn Du jetzt vollkommen überrascht bist, noch Fragen hast oder einfach was loswerden willst, freuen wir uns über den Austausch mit Dir!

2 Comments

  1. Pingback: Wir eröffnen einen neuen Laden: Ein Blick hinter die Kulissen |

  2. Pingback: Kann Sale nachhaltig sein? | Let's Be Good - A fair fashion blog by Loveco

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